Das Silicon-Valley-Paradox - ein Viertel der Bevölkerung ist vom Hunger bedroht - hohe Mieten und Lebenshaltungskosten als Hauptursache

14.12.2017 23:45:01, Jürgen Auer, keine Kommentare

Das hiesige Berlin schaut ja neidisch in die USA: Das Silicon Valley. Soviele Tech-Unternehmen und Gründer, soviele Geldgeber. Eine neue Studie wirft allerdings ein ziemlich skeptisches Licht auf die dortige Situation.

Denn: 26,8 Prozent der Bewohner haben Probleme, sich ordentlich zu ernähren. Weil die dortigen Mieten und Lebenshaltungskosten so dermaßen hoch sind, bleibt kaum mehr etwas fürs tagtägliche Essen übrig.
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Outside in America: The Silicon Valley paradox: one in four people are at risk of hunger

https://www.theguardian.com/us-news/2017/dec/12/the-silicon-valley-paradox-one-in-four-people-are-at-risk-of-hunger

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Berichtet wird von einer alleinstehenden Mutter mit zwei Töchtern, die bei Facebook in der Cafeteria arbeitet. Also umgeben von Essen. Das Essen ist für die Tech-Mitarbeiter kostenlos. Nicht aber für diejenigen, die deren Essen zubereiten.

Teils steht ihr nur die Hälfte des Geldes zur Verfügung, das von offizieller Seite als Minimum betrachtet wird.

Besonders merkwürdig: Das Silicon Valley kennt eine sehr exquisite Esskultur. Da gehen schon mal 500 Dollar für ein Menü drauf. Oder ein Brot kostet 29 Dollar.

Die Second Harvest food bank (etwa den deutschen Tafeln vergleichbar) hatte Interviews mit diversen Personen geführt. Die 26,8 Prozent sind etwa 720.000 Personen.

Diese lassen Mahlzeiten aus, greifen auf staatliche Essensmarken zurück, leihen sich Geld, um Essen zu kaufen oder schieben die Bezahlung von Rechnungen auf.

Das Paradox:

> “As the economy gets better we seem to be serving more people.”

So Steve Brennan, der Marketingdirektor der Second Harvest food bank.

Aufgrund der hohen Wohnkosten gilt schon eine vierköpfige Familie als arm, wenn sie 84.750 Dollar oder weniger verdient.

Eine Wirkung: Eine hohe Zahl von Wohnungslosen. In San Jose, der größten Stadt, gibt es etwa 4000 Obdachlose. Wobei laut Wikipedia die Stadt 2015 etwa 1,03 Millionen Einwohner hatte. Da wirken 4000 Obdachlose eher wenig.

Von dem Einkommen der Cafeteria-Mitarbeiterin geht 3/4 für die Miete drauf. Die Tech-Mitarbeiter werden umsorgt:

> “The first thing they do [for Facebook employees] is buy you an iPhone and an Apple computer, and all these other benefits,” she laughs. “It’s like, wow.”

Second Harvest gibt pro Monat Essen und Mahlzeiten an 257.000 Personen aus.

> “Often we think of somebody visibly hungry, the traditional homeless person,” Brennan said. “But this study is putting light on the non-traditional homeless: people living in their car or a garage, working people who have to choose between rent and food, people without access to a kitchen.”

Bei Hunger würde man oft an Wohnungslose denken. Aber diese Studie wirft ein Licht auf die nicht-traditionellen Wohnungslosen: Leute, die in ihrem Auto oder in einer Garage leben, Berufstätige, die die Wahl zwischen Miete und Essen haben, Leute ohne Zugang zu einer Küche.

Ein Student berichtet, daß fehlendes Essen ein tägliches Problem sei. Nicht nur für Studenten, sondern auch für Teilzeit-Professoren.

Irgendwie absurd. So betrachtet darf das Silicon Valley eigentlich kein Vorbild für Berlin sein. Allerdings sind hier die Mieten in den letzten Jahren so deutlich gestiegen, daß auch hier eigentlich schon zu viele Leute mehr als die kritischen 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete aufwenden müssen. Der frühere Standortvorteil "niedrige Mieten" ist in der Großstadt längst Geschichte.

Der Originalbericht findet sich in der Rubrik Newsroom ( http://www.shfb.org/newsroom ):

Hunger in Silicon Valley More Widespread and Diverse Than Previously Thought (PDF, 3 Seiten):

http://www.shfb.org/docs/news/release/20171212_FundingGap.pdf

vom 12.12.2017.

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