10316 Tage: Ab heute ist die Berliner Mauer länger weg als sie da war - Anmerkungen eines Remstälers aus Berlin - Friedrichshain

05.02.2018 23:43:06, Jürgen Auer, 7 Kommentare

Würde es nicht im Tagesspiegel stehen: Ich muß gestehen, ich hätte das gar nicht gemerkt. Zu viel beschäftigt mit meiner Dienstleistung Server-Daten, auf die Zukunft bezogen. Entwicklungen in Deutschland, Europa, der Welt. Das Internet ist ein weltweiter Maßstab. Die Vergangenheit Ende der 1980er Jahre liegt lange zurück.

Aber heute, am 05.02.2018: Da sind es genau 10316 Tage seit dem 09.11.1989. Und geht man von diesem Tag 10316 Tage zurück, dann landet man beim 13.08.1961. Die Berliner Mauer stand solange. Und ist nun genauso lange wieder weg. Erst löchrig, aber erstmals durchlässig von Ost nach West. Später verschwand sie ganz.

Der 13.08.1961, der Tag des Mauerbaus. Vor meiner Zeit (Jahrgang Mitte der 60er). In den 1970ern, im beschaulichen Remstal: Da stand die Welt offen.

Aber es gab ja noch dieses andere Deutschland, DDR genannt. Und Westberlin - oder hieß es Berlin-West? Mittendrin und doch eingemauert. Die Bilder, die man sah, die waren eher unbegreiflich. Wie konnte das sein, daß der eine Teil einer Stadt einfach eingemauert wurde? Ok, die Nachwirkungen des Krieges, der Teilung. Dann der Kalte Krieg, schließlich die "klare Grenze". Die ständigen Abgänge nach Westberlin. In dieser Logik schien eine klare Grenze durchaus nachvollziehbar zu sein.

Mitte der 70er zu Besuch in der DDR, damals auch ein Tag in Ostberlin. Mit den Wasserspielen am Fernsehturm, der Marienkirche, dem Neptunbrunnen. Der Alexanderplatz. Anfang der 1980er mit der Schule in Berlin, diesmal in West-Berlin, untergebracht in Kreuzberg. West-Berlin war eigentlich bekannt, wirkte vertraut. Ein Tag in Ost-Berlin. Das war eine andere Welt. Dazwischen die Mauer. Vom Westen her kam man unmittelbar an die Mauer ran. Sie stand da einfach. Mitten in der Landschaft. Vom Osten her war das schon im Vorfeld abgesperrt.

Dann zeichnete sich, so ab Mitte der 1980er, das Zerbröckeln des Ostblocks ab. Und als es um die Frage ging, wo ich studiere, war klar: Das konnte nur in Berlin sein.

Im Februar 1988 der Umzug nach Berlin-Tempelhof. In die damals noch eingemauerte Stadt. Im nördlichen Teil, nahe der U-Bahnstation Platz der Luftbrücke. Spätestens im Sommer 1989 wurde die Krise des Ostblocks immer deutlicher sichtbar. DDR-Bürger, die über Ungarn und Österreich in den Westen kamen. Die Ausreisemöglichkeit über die Tschechoslowakei. Daß es einen neuen Krieg geben könnte, das war eigentlich nicht so richtig vorstellbar. Aber was dann? Irgendwie konnten die ständigen Ausreisen ja auch nicht so weitergehen.

Am 09.11.1989 tagsüber in Dahlem. Am Abend sicherlich früh ins Bett. Es gab ja noch kein Internet, die Nachrichtenlage war unklar. Irgendetwas war. Aber wer konnte schon ahnen, daß dieser Text, den das SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski bei jener Pressekonferenz vorgelesen hatte, bei dem er über die Sperrfrist bis zum nächsten Morgen gar nicht informiert war: Und bei dem er dann auf die Frage, wann das denn in Kraft treten würde, meinte:

> „Das tritt nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich.“

Ein Video dieser historischen Pressekonferenz auf YouTube. Bei Minute 2:30 findet sich diese Antwort auf die Frage, wann diese Regelung in Kraft tritt.

Pressekonferenz DDR-Reiseregelung [09.11.1989]

https://www.youtube.com/watch?v=kZiAxgYY75Y

Am nächsten Morgen nach Dahlem. Irgendwann sickerte das immer stärker durch. Die Mauer sei offen. DDR-Bürger kamen zum ersten Mal ohne Gefahr für ihr eigenes Leben in den Westteil der Stadt - und gingen wieder zurück in ihre Wohnungen im Osten. Die Mauer, der Todesstreifen, die Schußanlagen. All das, was die Jahre davor noch vorhanden war. Plötzlich überflüssig, weil die Ostberliner die offiziellen Übergänge nutzen durften.

Irgendwann am Spätnachmittag war ich mit dem Rad unterwegs. In Dahlem herrschte der normale Unibetrieb. In Kreuzberg, am Mehringdamm: Da war es rappelvoll. Es schien, als sei ganz Ostberlin auf den Beinen, um sich mal den Westen der Stadt anzusehen. Dabei war zu diesem Zeitpunkt der umgekehrte Weg versperrt. Ich hatte noch einen Reisepass aus der BRD. Zu unklar war die Lage. Immerhin gab es ja offiziell noch alle Pflichten inklusive Zwangsumtausch.

Von da an ging das schnell. Die Mauer zerbröselte. An immer mehr Stellen gab es Übergänge. Es war immer schon klar: Wenn die Mauer erst einmal offen ist, dann wird es kein Zurück zur Situation davor mehr geben.

In den folgenden Jahren hatte ich persönlich wohl gar nicht so viel mehr mitbekommen. Das Studium stand im Vordergrund. Schließlich 1996 die Möglichkeit, eine Wohnung in Friedrichshain zu bekommen. Als Wessi aus Süddeutschland nun mit Blick auf den Fernsehturm. Aber vom Osten her.

Zu dem Zeitpunkt fing das allmählich an. Es wurde sichtbar, daß das Internet langfristig alles umkrempeln würde. Deshalb 2001/2002 diverse kleine Dinge gemacht. Aber schon damals die Beschäftigung mit dem, was dann zu Server-Daten wurde. Der Start 2006 fiel in den Zeitabschnitt, der auch als Beginn des "neuen Berlins" gilt: Die Fußballweltmeisterschaft 2006: Berlin hatte richtig viele Gäste. Waren es in den 1990ern die Glücksritter und die "Schmerzen des Zusammenwachsens". Anfang der 2000 eine gewisse Depression der Stadt, die sich an der Illusion festhielt, mehr Geld einklagen zu können. Ab etwa 2006 spielte das schrittweise immer weniger eine Rolle.

Inzwischen hat sich vieles hier in Berlin dramatisch beschleunigt. Kriegslücken werden zugebaut, günstige Wohnungen verschwinden. Aber dafür verschwinden auch Kohleöfen und ähnliches. Beim Einzug 1996 gab es das Telefon noch per Kabel an der Außenwand. 1999 wurde das ins Treppenhaus verlegt. Heute wäre so etwas unvorstellbar.

28 Jahre, zwei Monate und 27 Tage: Das heißt auch: Alle, die jetzt 30 - 35 Jahre oder jünger sind, haben dieses monströse Bauwerk nicht mehr selbst erlebt. Man läuft in Kreuzberg an der Mauer entlang. Würde man drüberklettern, dann würde man sich riesigen Ärger einhandeln. Und der Weg in der umgekehrten Richtung: Der war versperrt. Jeder Mauertote war einer zu viel.

Im Tagesspiegel

10316 Tage: Wo früher die Mauer stand - ein Vorher-Nachher-Vergleich

http://www.tagesspiegel.de/themen/berlinergeschichte/10316-tage-wo-frueher-die-mauer-stand-ein-vorher-nachher-vergleich/20921224.html

und im Spiegel

Vorher-nachher-Fotos: Berlin mit und ohne Mauer

http://www.spiegel.de/einestages/berliner-mauer-vorher-nachher-fotos-zum-zirkeltag-a-1190881.html

gibt es Bilderserien mit "Schiebebildern": Ein Bild während der Mauer und ein Bild heute. Und ein Schieberegler, mit dem man zwischen beiden Bildern wechseln kann.

Trostlosigkeit während der Mauerzeit. Etwa am Brandenburger Tor. Oder in der Eberswalder Straße. Heute sind das Stadträume, von Menschen bevölkert. Wo man nicht mehr sieht, daß es dort einmal eine trennende Wand gab.

Die Zukunft hatte schon am 09.11.1989 begonnen. In Westdeutschland, im Remstal. Da mag das Leben nach dem Mauerfall über viele Jahre ähnlich weitergegangen sein wie zuvor. Hier in Berlin war das anders. Da änderte sich mit dem Mauerfall alles. Für alle in den westlichen Bezirken ebenso wie in den östlichen. Mitte der 90er kamen viele neue Leute aus dem ehemaligen Ostblock nach Berlin. Zum türkischen Döner kam der arabische Schawarma. Seit vielleicht 2006 ist Berlin Ziel für Leute bald aus der ganzen Welt. Seither wird Berlin wieder zur richtigen Weltstadt.

Und mit dem Abschluß dieser 10316 Tage: Man könnte sagen: Nun ist die Übergangszeit vorbei. Die Karenzzeit abgeschlossen. Nun geht es endgültig ausschließlich um die Zukunft.

Der Wikipedia-Artikel mit dem Zitat von Günter Schabowski:

Berliner Mauer

https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Mauer

 

10.06.2018 20:25:25, Lise Hayakawa
Your family was: east or west Berlin?

10.06.2018 21:35:04, Lise Hayakawa
Me desculpe, não precisa responder...sorry!!!

10.06.2018 23:11:32, Jürgen Auer
I was born and raised in Baden-Württemberg, from the Remstal, not from Berlin.

I relocated to Berlin 1988.

13.06.2018 01:15:47, Lise Hayakawa
Baden-Württemberg !!! (vou ver no mapa!)

13.06.2018 19:12:41, Lise Hayakawa
I was born west of São Paulo state (near Paraná River). (I think I damaged your blog yesterday, I'm sorry.)

15.06.2018 00:50:52, Jürgen Auer
> I think I damaged your blog yesterday

???

How do you want do damage my blog? The blog is part of Server-Daten, that works fine ;-)

20.06.2018 04:22:07, Lise Hayakawa
Nice, I'm glad...thank You !!! ;-)

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