thisisyourdigitallife - Facebook und Cambridge Analytica - warum wird jetzt längst Bekanntes zum Skandal erklärt? Facebook sammelt exzessiv Daten und nutzt diese zur Werbung

22.03.2018 23:44:12, Jürgen Auer, keine Kommentare

Irgendwie bin ich aktuell doch sehr verblüfft. Da hat Aleksandr Kogan, ein britischer Forscher, eine Facebook-App thisisyourdigitallife mit Erlaubnis von Facebook auf die Plattform gebracht. Da ging es um eine Umfrage zu Persönlichkeitstypen, das war 2013. Dieses Datum fand sich in dem Zuckerberg-Post (siehe weiter unten).

Etwa 270.000 Nutzer installierten die App und stimmten damit der Weitergabe ihrer Daten zu. Zusätzlich hatte die App aber Zugriff auf wesentliche Daten der Freunde dieser App. Insgesamt wurden damit etwa 50 Millionen Profile "exportiert". Zum damaligen Zeitpunkt war dieser Zugriff der App auf Daten der Freunde legitim, später wurde das eingeschränkt.

Dann wurden die Daten, nachdem sie erst mal aus Facebook weg waren, an Cambridge Analytica sowie an Christopher Wylie und sein Unternehmen Eunoia Technologies weitergegeben. Jeder, der auch nur etwas von Statistik versteht, weiß, daß man über hinreichend große Datenmengen "tolle Korrelationen" berechnen kann.

Damit ging das in den US-Wahlkampf: Potentielle Trump-Wähler sahen die einen, potentielle Clinton-Wähler die anderen "passenden Anzeigen". Das Ergebnis ist bekannt.

Die beiden Artikel vom letzten Wochenende, die international hohe Wellen schlugen:
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Beim Guardian: Revealed: 50 million Facebook profiles harvested for Cambridge Analytica in major data breach

https://www.theguardian.com/news/2018/mar/17/cambridge-analytica-facebook-influence-us-election

Christopher Wylie gegenüber dem Observer:

> “We exploited Facebook to harvest millions of people’s profiles. And built models to exploit what we knew about them and target their inner demons. That was the basis the entire company was built on.”

Die inneren Dämons der Leute ansprechen, auf daß diese das Kreuz an der richtigen Stelle machen bzw. nicht wählen gehen. In dem Artikel ist auch die Rede davon, daß die ursprünglichen App-Nutzer lediglich der Verwendung für Forschungszwecke zugestimmt hätten.

In der New York Times: How Trump Consultants Exploited the Facebook Data of Millions

https://www.nytimes.com/2018/03/17/us/politics/cambridge-analytica-trump-campaign.html

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Und nun? Wo ist jetzt daran die Überraschung? Facebook sammelt seit dem Beginn so ziemlich alles an Daten über Nutzer, was nur verfügbar ist. Und nutzt das, um "passgenaue Werbung" auszuspielen.

Unternehmen buchen diese "passgenaue Werbung", die auf dem ständigen Datensammeln beruht. Und nutzen sie, um ihre eigenen Produkte möglichst genau an die gewünschte Zielgruppe zu bringen.

Facebook bietet das aber nicht nur Unternehmen an. Sondern auch Parteien für Wahlkampfzwecke. Laut einem Artikel im Tagesspiegel

Millionenfacher Datenmissbrauch: Facebook ist kein Opfer des Skandals – sondern selbst schuld

https://www.tagesspiegel.de/politik/millionenfacher-datenmissbrauch-facebook-ist-kein-opfer-des-skandals-sondern-selbst-schuld/21099064.html

schickt Facebook sogar Marketingspezialisten los, die Parteien bei deren Kampagnen unterstützen. Und verdient natürlich daran.

Ende 2016 gab es eine Riesenwelle, als dieser Beitrag

Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt

https://www.dasmagazin.ch/2016/12/03/ich-habe-nur-gezeigt-dass-es-die-bombe-gibt/

erschien. Da ging es um Michal Kosinski, der auch solche Forschungen zu Big Data angestellt hatte. Er hatte schon 2008 so eine ähnliche App entwickelt. Und das wurde - von Aleksandr Kogan nachgeahmt.

Dann schränkte Facebook den Zugriff von Apps auf Kontakte der Teilnehmer deutlich ein. Forderte von Cambridge Analytica die Löschung der Daten, ohne das wirklich zu kontrollieren bzw. durchzusetzen. Facebook hätte ja auch eine Klage gegen Cambridge Analytica mit einer Löschaufforderung einreichen können.

Nun kommt das - wie so üblich - irgendwann eben doch raus. Die Politiker sind empört, obwohl sie alles längst hätten wissen können. Und Facebook gibt sich zerknirscht:

Mark Zuckerberg schreibt etwas auf Facebook:

https://www.facebook.com/zuck/posts/10104712037900071

> We have a responsibility to protect your data, and if we can't then we don't deserve to serve you. I've been working to understand exactly what happened and how to make sure this doesn't happen again.

Da war ursprünglich gerade die Idee, daß Apps auch sozial sein könnten, dafür brauchen sie aber den Zugriff auf die Daten der Freunde. Demnach wurden schon 2014 Apps massiv eingeschränkt. Vor allem konnten sie nur noch dann auf Daten von Freunden zugreifen, wenn diese selbst die App authorisierten. 2015 wußte Facebook bereits, daß Kogan die Daten mit Cambridge Analytica geteilt hatte. Da flog die App raus. Aber Kogan und Cambridge Analytica blieben weiterhin auf der Plattform, sie sollten die Daten löschen. Nun - wie tragisch - erfährt Facebook, daß Cambridge Analytica das nicht gemacht habe, nun fliegen die ganzen Unternehmen bei Facebook raus.

Hat Facebook allen Ernstes geglaubt, daß ein "Hey, löschen Sie mal diese Daten" ausreicht, damit Cambridge Analytica die Daten löscht, anstatt sie für den anstehenden US-Wahlkampf zu nutzen? Ein solcher Datenpool ist sehr wertvoll. Da war es zu erwarten, daß da getrickst wird.

Jetzt soll es ein paar Einschränkungen geben. Nur: Das alles löst nicht das Kernproblem:

> I started Facebook, and at the end of the day I'm responsible for what happens on our platform.

Solange Facebook weiterhin so dermaßen viele Daten erhebt und ständig sammelt. Und solange Facebook genau das an Werbetreibende verkauft und darauf sein Geschäftsmodell aufbaut. Solange wird es auch neue Versuche geben, das entsprechend "geschickt" auszunutzen. Nun eben nicht über eine App und "abgezogene Daten". Sondern direkt innerhalb von Facebook per Werbeanzeigen, so daß Facebook daran direkt verdient.

Die nächste Kampagne bei der nächsten Wahl wird eben "etwas raffinierter" werden. Aber es wird sie geben. Weil Facebook die Daten hat und damit Geld verdienen möchte. Und weil Unternehmen dafür Geld ausgeben, auf Facebook werben zu dürfen.

Sprich: Facebook kommt "irgendwie" an Daten ran, mit Cookies, ohne Zustimmung der Nutzer. Sammelt diese exzessiv und verdient damit Geld. Cambridge Analytica hat effektiv bloß dasselbe gemacht. "Kam eben irgendwie" an Daten von Facebook ran. Hat die Löschaufforderung lauwarm ignoriert, Facebook hat das ja auch nicht wirklich per Urteil durchgedrückt. Und Cambridge Analytica hat die Daten eben weiterhin genutzt. Bis es rauskam.

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Die Erläuterungen zum Datenschutz habe ich gelesen und stimme diesen zu.