Staatliche Mitarbeiter in Seoul / Südkorea sollen durch PC-Ausschalten an zuviel Arbeit gehindert werden - 67 Prozent wollen Ausnahmegenehmigung

26.03.2018 23:55:57, Jürgen Auer, keine Kommentare

In Südkorea liegt die durchschnittliche Arbeitszeit pro Jahr bei 2739 Stunden im Jahr. Das sind 7,5 Stunden pro Tag - bei einer Sieben-Tage-Woche. Nimmt man eine Fünf-Tage-Woche an, dann wären das etwa 10,5 Stunden pro Tag. Ohne Urlaubsberücksichtigung.

Die Behörden wollen nun gegensteuern. Und zwar so, daß es Zwangsabschaltungen der Computer gibt. Allerdings nur für die Behördenmitarbeiter in Seoul.

Wobei das in drei Phasen ausgerollt werden soll: In der ersten Phase sollen immer am Freitag die PCs um 20:00 ausgeschaltet werden. Beginnend am 30.03, der ja in Deutschland Karfreitag, also frei ist.

Im April sollen am zweiten und vierten Freitag die PCs um 19:30 gestoppt werden. Ab Mai soll dann freitags immer um 19:00 Feierabend sein.

Die Abschaltung soll es also nur am Ende der Arbeitswoche geben.
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South Korea to shut off computers to stop people working late

http://www.bbc.com/news/world-asia-43497017

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Es solle eine "culture of working overtime", eine Kultur des Zuviel-Arbeitens gestoppt werden. Oder auch eine "Kultur der Überstunden", die gestoppt werden solle.

Eigentlich hätte das für alle Mitarbeiter gelten sollen. Nur:

> However, not every government worker seems to be on-board - according to the SMG, 67.1% of government workers have asked to be exempt from the forced lights-out.

67,1 % hatten nach einer Ausnahmegenehmigung gefragt. Die Mehrheit will lieber arbeiten.

SMG ist die Abkürzung für "Seoul Metropolitan Government". Auf der dortigen Website

http://english.seoul.go.kr/

findet sich leider kein Hinweis.

Der Artikel verweist darauf, daß erst in diesem Monat ein Gesetz verabschiedet wurde, das die maximale wöchentliche Arbeitszeit von 68 Stunden auf 52 Stunden reduziert. 68 Stunden - das sind 10 Stunden pro Werktag und je 9 Stunden am Samstag und am Sonntag.

Wobei die 52 Stunden bedeuten, daß 40 Stunden die Normalarbeitszeit sind und maximal 12 Überstunden zulässig sind.

Eine kurze Suche brachte diesen Text von 2015 zum Vorschein:

Aufwachen!

https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2015/faulheit/aufwachen

Demnach dehnen Mitarbeiter die Zeit teils extrem aus, sind unterbeschäftigt und machen tausend andere Dinge. Ferner gibt es eine lange Tradition gemeinsamer abendlicher Kneipentouren - mit "intensivem Alkoholgenuß" namens „Hui-Sik“. Die werden von den Unternehmen bezahlt - durch drei verschiedene Bars geht es. Ergebnis: Die Mitarbeiter sind am nächsten Tag bis zum Mittag ohnehin nicht einsatzfähig - aber natürlich trotzdem im Unternehmen. Neue Mitarbeiter fühlen sich verpflichtet, daran teilzunehmen, weil nur über diese Beziehungen Karriere möglich sei. Inzwischen würde sich das aber langsam ändern.

Wobei es das Zwangsabschalten am Freitagabend ausschließt, daß es in den staatlichen Büros solche Hui-Sik geben dürfte.

Von dem Südkoreaner Byung-Chul Han, Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin, gibt es ein Buch namens "Müdigkeitsgesellschaft", das die dortige Kultur beschreibt.

Wer dort um 18:00 das Büro verläßt, der muß so tun, als würde er sich schlecht fühlen. Und das möglichst dann machen, wenn der Chef grade nicht da sei.

Inzwischen gibt es auch eine "neue Regel" namens 119: Nur noch eine Bar, nur noch eine Sorte Alkohol. Und um 21:00 muß Schluß sein, sonst bezahlt das Unternehmen den Hui-Sik-Abend nicht mehr.

Laut

VERSPRECHEN EINGELÖST : Südkorea verkürzt die Wochenarbeitszeit – auf 52 Stunden

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/suedkorea-verkuerzt-die-wochenarbeitszeit-auf-52-stunden-15469719.html

war die Reduktion der Wochenarbeitszeit ein Wahlversprechen, das nun umgesetzt wurde. Die 68 Stunden davor hießen 40 Arbeitsstunden, 16 Stunden am Wochenende und 12 Überstunden. Die Wochenendarbeit ist damit also gestrichen. Die tägliche maximale Arbeitszeit läge damit bei knapp über 10 Stunden pro Tag.

Etwas erinnert das an das Vorhaben des japanischen Unternehmens Taisei: Das will Mitarbeiter mit Drohnen nach Hause jagen. Die Drohne soll "Auld Lang Syne" spielen.

Auld Lang Syne - Drohnen-Technik als Antwort auf drohendes karoshi - japanisches Unternehmen Taisei will zu lange arbeitende Mitarbeiter mit Drohne und Musik nach Hause treiben

https://blog.server-daten.de/de/2017-12-18/Auld-Lang-Syne---Drohnen-Technik-als-Antwort-auf-drohendes-karoshi---japanisches-Unternehmen-Taisei-will-zu-lange-arbeitende-Mitarbeiter-mit-Drohne-und-Musik-nach-Hause-treiben-118

Beim Stromabschalten gäbe es ohnehin das Risiko, daß womöglich Computer beschädigt werden. Wenn, dann müßte man die Computer im Unternehmensnetz zwangsweise herunterfahren.

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